Neulich im Heldenbüro

Da saßen sie wieder, die beiden Kollegen, zwei gestandene Mannsbilder, und hatten recht wenig zu tun. Das war kein Wunder und hatte mit der Entstehungsgeschichte ihres Arbeitsplatzes zu tun.
Ihre Abteilung war gegründet worden, als das Heldentum grassierte, die Vorkommnisse diesbezüglich unüberschaubar geworden waren und die Sehnsucht nach Ordnung im Heroen-Chaos übergroß. Angefangen hatte alles mit einem Ägypter, der sich als Superheld gerierte, sich auf Hochhäusern fotografieren und filmen ließ, während er zum Schein Abflüge machte, um die Menschheit, oder zumindest einen Teil davon, zu retten. Es kam, wie es kommen musste: In Zeiten der sozialen und sonstigen Netzwerke verbreitete sich die Kunde von dem Wundersamen rasch, Nachahmer waren schnell zugange, und so bevölkerten erst Dutzende, dann Hunderte und später Tausende Helden diesen Planeten. Leider gingen so die echten, die richtigen, die wirklich wichtigen dabei komplett unter, ja, wurden kaum noch ernst genommen.
Und so wurde das Heldenbüro gegründet, die „Stabsstelle für echte Helden“, bei der man sich melden und registrieren lassen konnte, nebst Angabe der speziellen Fähigkeiten, auf dass die diesbezüglich bedürftige Menschheit später davon Gebrauch machen konnte.
Leider war nach einem anfänglichen Hype der Zulauf in letzter Zeit recht bescheiden gewesen, und so vertrieben sich die beiden Bediensteten inzwischen dort recht routiniert die Zeit mit allerlei Spielchen, als eine von mehreren Strategien, den Tag herumzubringen.
Eine andere war ihnen gerade ein bisschen vergällt worden: Besonders jetzt, wo von den drei Kolleginnen nebenan diejenige auf Kur war, die ihnen beiden am besten gefiel, vermieden sie es eher, dem Nebenbüro einen Besuch abzustatten. Alleine der Name der Arbeitsgruppe im Nebenraum wirkte abschreckend auf sie, „Büro für virtuelle Seuchenbedrohung“. Die Damen waren außerdem sehr beschäftigt, im Vergleich zu ihnen beiden, was die Besuche automatisch verkürzte beziehungsweise eindämmte. Aber jetzt, wo die Hübsche sowieso einige Wochen lang nicht hier sein würde, gab es einen Grund weniger, aufzustehen und sich nach nebenan zu begeben. Die anderen beiden Frauen erkundigten sich immer recht zynisch, wo denn die echten Helden blieben, wenn man sie brauchte. Und die beiden Männer drucksten dann herum und wussten keine Antwort.
Nein, dann lieber schön hiergeblieben und sich etwas anderes als Zeitvertreib suchen.
Sie spielten also das schöne, bewährte Spielchen „Wer hat am schnellsten den Längsten?“ und waren recht vergnügt dabei. Es ging darum, mittels Internetrecherche einen möglichst langen Link zu finden, und wer ihn am schnellsten mittels eines Programmes verkürzt und diese „Tiny URL“ dann seinem Kollegen per eMail geschickt hatte (da konnte die Sendezeit sekundengenau beurteilt werden, was oft auch notwendig war, denn sie waren ebenbürtige Gegner), war der Gewinner. Die Rundenanzahl schwankte und wurde vorab vereinbart, und der Gesamtsieger wurde dann vom unterlegenen Kollegen den Rest des Bürotages lang bedient.
Das Spiel war tricky, denn die Zeitvorgabe war brutal, und so waren Konzentration, Erfahrung und Schnelligkeit unbedingt vonnöten, um diese Aufgabe zu meistern.
Sie hatten sich gerade in einen schönen Spielrausch hineingesteigert, zwei Meister ihres Fachs, als es an der Bürotüre klopfte.
Die Türe öffnete sich, und im Türrahmen stand, zu ihrer totalen Verblüffung – Phantomias!

Er hatte es ihnen leicht gemacht und sein blaues Käppi aufgesetzt, auf dem als einzige Neuerung sein Name stand, aber ansonsten sah er genau so aus wie in den Comics ihrer Jugendzeit.
Die beiden Bediensteten sahen sich an. Sie sahen den Besucher an. Phantomias sah sie an.
Der Kollege, der der Tür am nächsten war, sagte zu seinem Gegenüber: „Kurti, du weißt, was das heißt? Das müssen wir melden. Wir brauchen ein neues Büro. Das könnte dann heißen ,Spezialstabsstelle für tierische Helden’ , oder so ähnlich.“
„Ja“, seufzte der andere, „es reißt einfach nicht ab. Und für Sie, lieber Phantomias, heißt das ein bisschen warten, bis wir das neue Büro und die neuen Angestellten haben. Momentan können wir Ihren Fall leider noch nicht bearbeiten. Sie können aber gerne Ihre Kontaktdaten hier lassen. Wir geben Ihnen dann Bescheid, wenn es so weit ist.“

Ja, genau so hat es sich zugetragen, neulich im Heldenbüro.

Carmen Rosina

www.verdichtet.at | Kategorie: schräg & abgedreht | Inventarnummer: 15018